{"id":1675,"date":"2025-05-31T15:34:07","date_gmt":"2025-05-31T15:34:07","guid":{"rendered":"https:\/\/whenua.at\/?page_id=1675"},"modified":"2025-08-27T15:47:38","modified_gmt":"2025-08-27T13:47:38","slug":"leben-in-ostarium-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/whenua.at\/index.php\/die-4-quarter\/melvis-2\/leben-in-ostarium-2\/","title":{"rendered":"leben in Gradum"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\"><p>[vc_row full_width=&#8220;stretch_row&#8220; css=&#8220;.vc_custom_1756302457281{margin-top: -140px !important;background-image: url(https:\/\/whenua.at\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/bg_grey.jpg?id=1720) !important;}&#8220;][vc_column width=&#8220;1\/4&#8243;]<div id=\"sc_title_1643213517\"\n\t\tclass=\"sc_title sc_title_default\"><h6 class=\"sc_item_subtitle sc_title_subtitle sc_align_center sc_item_title_style_shadow\">das leben in<\/h6><h2 class=\"sc_item_title sc_title_title sc_align_center sc_item_title_style_shadow\">Gradum<\/h2><\/div><!-- \/.sc_title -->[\/vc_column][vc_column width=&#8220;3\/4&#8243;][vc_column_text css=&#8220;&#8220;]<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Flavor Text (Story by Yvonne Leiche)<\/strong><\/em><\/p>\n<p>[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column width=&#8220;2\/3&#8243;][vc_column_text css=&#8220;&#8220;]Als Meliana erwachte, schmerzte ihr Hals und ihr Mund war trocken. Die Augenlider waren ihr schwer, und darum lie\u00df sie die Augen geschlossen, w\u00e4hrend ihre Sinne tr\u00e4ge wieder an die Oberfl\u00e4che tauchten und die Dunkelheit aus ihren Gedanken vertrieben. Sie f\u00fchlte K\u00e4lte auf der Haut, doch sie fror nicht. Tr\u00e4ge wurde ihr bewusst, dass sie auf etwas Weichem lag, das nach frischer Luft und Lavendel roch. Noch w\u00e4hrend sie vor ihrem inneren Auge die violetten Stauden im Kr\u00e4utergarten sah, kam ihr der Gedanke an Bettw\u00e4sche. Sie h\u00e4ngten stets frischen Lavendel in die K\u00e4sten mit den Laken und den Bez\u00fcgen, gegen die Motten.<br \/>\nSie versuchte, genug Kraft zu sammeln, um sich aufzurichten, da bemerkte sie pl\u00f6tzlich, dass sie gar nicht alleine war.<br \/>\nStimmen erklangen,ged\u00e4mpft und ungenau, doch je l\u00e4nger sie ihnen lauschte, umso klarer wurde das Gespr\u00e4ch. Meliana erschrak, als sie erkannte, dass zwei M\u00e4nner im Raum waren \u2013 zwei M\u00e4nner, deren Stimmen sie kannte.<br \/>\nSie waren in ein Streitgespr\u00e4ch vertieft.<br \/>\n\u201eUnd was, dachtest du, ist mit ihrer Familie, ihren Eltern? Bist du dir eigentlich im Klaren dar\u00fcber, in welche Schwierigkeiten du uns alle bringen willst?\u201c<br \/>\nJa, Meliana kannte diese Stimme. Aber niemals so aufgebracht wie jetzt. F\u00fcr gew\u00f6hnlich war es eine ruhige, freundliche Stimme, die Anweisungen gab, aber niemals Befehle. Eine Stimme, die selbst einen Tadel ohne Vorwurf hervorbrachte. Die andere Stimme, die nun antwortete, kannte sie ebenfalls, doch erst seit Kurzem. Der Gast ihres Dienstherrn befand sich erst seit zwei Wochen auf dem Gut, und in dieser Zeit hatte sie ihn kaum gesehen. Wenn sie ihren Dienst beendete und nach Hause ging, stand er meistens erst auf. Die anderen Dienstm\u00e4dchen hatten viel \u00fcber ihn getuschelt, besonders weil so deutlich war, dass Muel\u2019sa ihn erw\u00e4hlt hatte. Man hatte ihn als zur\u00fcckhaltende Person kennen gelernt, doch nun schien er ebenfalls erregt und ver\u00e4rgert zu sein. Seine Stimme war ein heiseres Zischen, als er seine Antwort hervorbrachte:<br \/>\n\u201eVerschone mich mit solchem gutmenschlichen Gefasel, Lucius! Gib ihren Eltern ein Goldst\u00fcck oder erlass ihnen die Steuern, was schert es mich!\u201c<br \/>\nErschrocken erkannte Meliana, dass dieses Gespr\u00e4ch sich scheinbar um sie selbst drehte. Noch konnte sie sich keinen Reim darauf machen, aber eine innere Stimme riet ihr, sich noch nicht bemerkbar zu machen. Sie \u00f6ffnete die Augen ein wenig, sah jedoch nicht viel, weil der Raum nur von zwei Kerzen schummrig erleuchtet wurde. Die beiden M\u00e4nner erschienen wie Schemen am Fu\u00df des Bettes, als ihr Herr seinen Gast anfuhr:<br \/>\n\u201eGib Acht, was du sagst, Mark, denn das hier ist mein Haus, und dieses M\u00e4dchen arbeitet f\u00fcr mich! Verdammt, sie ist ja noch nicht einmal zwanzig Jahre alt! Ich bin f\u00fcr sie verantwortlich, ebenso wie f\u00fcr alle Menschen in diesem ganzen verfluchten Quarter! Und ich werde nicht dulden, dass du oder ein anderer sie behandelt wie Vieh!\u201c<br \/>\n\u201eWie Vieh?\u201c ein dumpfes, kehliges Lachen kam aus Marks Kehle. \u201eUnd was sollte ich wohl sonst in einem Menschen sehen, wenn nicht Nahrung? Aber du liegst v\u00f6llig falsch, wenn du glaubst, ich wollte blo\u00df meinen Hunger stillen. Ich will die Kleine f\u00fcr mich selbst!\u201c<br \/>\nMeliana hielt den Atem an, als ihr klar wurde, was der untote Gast ihres Herrn soeben gesagt hatte. Wieder nahm sie undeutliche Bewegungen am Fu\u00df des Bettes war, als ihr Herr sich auf seinen Gast zu bewegte und dadurch so weit ins Licht trat, dass sie sein Gesicht erkennen konnte. Was sie darin erkannte, war blinde Wut.<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr ein Sakrileg! Sie ist keine Gl\u00e4ubige! Du kannst doch den Segen Muel\u2019sas nicht einfach weiter tragen, wie es dir passt! Das wird Muel\u2019sa niemals dulden!\u201c<br \/>\nMit einer flie\u00dfenden, schemenhaften Bewegung kam Marks Gesicht zum Vorschein, als er die Herausforderung annahm und selbst einen Schritt auf Lucius zu machte. In seiner Stimme lagen Hass und Bitterkeit, und seine Fingern\u00e4gel gruben Furchen in den Bettpfosten. \u201eWas wei\u00dft du schon von Sakrileg oder Muel\u2019sas Wille! Ich sp\u00fcre Ihn in mir, jede Nacht, wenn ich hungrig aufwache und im Umkreis eines Kilometers jedes sterbliche Herz schlagen h\u00f6re! Ich sehe Seinen Willen, jedes mal, wenn ich auf meine sabbernden Geschwister blicke, die Er zu hirnlosen Zombies gemacht hat! Erz\u00e4hl du mir nicht, was Muel\u2019sa duldet oder nicht! Ich wei\u00df besser als jeder andere, dass f\u00fcr Ihn Gnade und Fluch ein und dasselbe bedeuten!\u201c<br \/>\nStarr lag Meliana auf den Kissen und wagte kaum, zu atmen. Der Vampir Mark fl\u00f6\u00dfte ihr mehr Angst ein, als sie ertragen konnte. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie hierher gekommen war, wusste nicht, was den Streit zwischen den beiden M\u00e4nnern verursacht hatte. Nur eines war ihr klar, n\u00e4mlich, dass jeder Mann vor diesem Gesch\u00f6pf geflohen w\u00e4re, das seine lodernden Augen auf Lucius Domenicus richtete, doch der Protector von Melvis wich keinen Millimeter vor dem Untoten zur\u00fcck. Es war kaum ein Jahr her, seit er sein Erbe in diesem Quarter angetreten hatte, und viele Menschen begegneten ihm mit Misstrauen, weil er offen zu seinem Glauben an Muel\u2019sa stand. Es war seiner Diplomatie zu verdanken, dass die untoten Gefolgsleute des Gottes nun an Whenuas Seite gegen den Feind aus Choros k\u00e4mpften, und diese Allianz hatte ebenso viele Gegner wie Bef\u00fcrworter. Meliana selbst war jedem Untoten bisher so gut wie m\u00f6glich aus dem Weg gegangen, und auch Mark Dunkelbruch hatte sie kaum angesehen. Wie und warum, bei Schicksal, Zeit und Tod, hatte sie seine Aufmerksamkeit erregt?<br \/>\nSo leise und eindringlich war die Stimme des Protectors, dass Meliana kaum verstand, was er zu dem Vampir sagte.<br \/>\n\u201eIch warne dich, Mark, schm\u00e4he den Namen Muel\u2019sas in meiner Gegenwart nie wieder und wage es nicht, Ihn in Frage zu stellen! Wir beide wissen, dass deine Familie in ihrem Glauben fehlgeleitet war, und es ist Seiner Gnade zu verdanken, dass du zu einem wahren Gesch\u00f6pf Seines Lebens wurdest. Und Sein Wort ist, dass nur der Gl\u00e4ubige Sein Leben empfangen wird!\u201c<br \/>\n\u201eJa nat\u00fcrlich\u201c, entgegnete Mark sp\u00f6ttisch, \u201eich kann den Pal\u2019Rasza geradezu h\u00f6ren, wie er aus deinem Mund spricht. Das hat man dir und den anderen sch\u00f6n eingetrichtert, jahrzehntelang, und ihr plappert es nach wie die aufgezogenen \u00c4ffchen. Nur schade, dass es solche wie mich gibt, die aus dieser praktischen Ordnung heraus fallen! Oder wie Cann Kodosmar! Oder wie\u2026\u201c<br \/>\nForsch schnitt Lucius Mark erneut das Wort ab.<br \/>\n\u201eKeinen Ton mehr, Mark! Der Schl\u00e4chter wird den Weg Muel\u2019sas verstehen lernen, oder er wird untergehen! Und damit kein Wort mehr davon! Versuch nicht, von deinem eigenen Fehler abzulenken!\u201c<br \/>\n\u201eFehler? Ich wei\u00df ganz genau, was ich tue, Lucius, und ich mache keine Fehler!\u201c<br \/>\nMit ausgestreckter Hand wies Lucius zu Meliana, die sich bem\u00fchte, schlafend zu wirken, falls der Vampir zu ihr schauen sollte. Doch Mark starrte weiter den Protector an, als dieser fortfuhr: \u201eDAS ist ein Fehler, Mark! Was glaubst du, geschieht, wenn du einfach so eines meiner Dienstm\u00e4dchen verwandelst? Willst du einen Bauernaufstand vor deiner M\u00fchle haben? Der Friede zwischen dem Lordprotector und Deinesgleichen steht ohnehin schon auf wackeligen Beinen!\u201c<br \/>\nEin bitteres Lachen entkam dem Untoten. \u201eIllusion, Lucius, das ist dieser Friede. Die Menschen werden uns in den R\u00fccken fallen, sobald sie uns nicht mehr brauchen, und das wei\u00dft du ebenso gut wie ich.\u201c<br \/>\n\u201eWenn du das wirklich glaubst, hast du umso weniger Grund, sie unn\u00f6tig zu provozieren\u201c, schoss Lucius zur\u00fcck. In diesem Moment geschah eine Ver\u00e4nderung, die den Protector sogar noch gef\u00e4hrlicher erscheinen lie\u00df als den Vampir. Die Luft um ihn herum begann zu flimmern, und eine enorme Hitzewelle ging von ihm aus, als st\u00fcnde er in unsichtbaren Flammen. Meliana glaubte, dass jedes ihrer Haare sich kr\u00e4useln m\u00fcsste, und selbst der untote Mark wich einen ganzen Schritt vor Lucius zur\u00fcck, der mit seiner Antwort noch lange nicht fertig war. Als er weiter sprach, lag ein tiefer Druck auf seiner Stimme, der Meliana direkt in den Kopf kroch und dort dr\u00f6hnte wie ein Glockenschlag.<br \/>\n\u201eUnd mich solltest du schon gar nicht provozieren, Cousin. Ich werde in meiner Familie keine Ketzerei dulden. Du wirst dich an die Regeln halten, oder ich liefere dich pers\u00f6nlich dem Pal\u2019Rasza aus.\u201c In diesem Moment sah Meliana den Hass, der in Marks Augen stand, und sie war sicher, dass die beiden M\u00e4nner gleich aufeinander losgehen w\u00fcrden.<br \/>\nDoch es kam anders. Mark schloss die Augen und schien einen kurzen, inneren Kampf auszufechten. Als er wieder aufblickte, war die Aggression aus seinem Gesicht verschwunden. Meliana sah wohl, dass seine Hand sich noch immer um den Bettpfosten krampfte und das Holz unter seinem Griff nunmehr zersplittert war. Doch nichts sonst verriet seine Wut. L\u00e4ssig zog er ein silbernes Etui aus der Tasche und entnahm ihm eine gedrehte Papierrolle, die Rauchkraut enthielt. Eine kleine Flamme erschien in der Hand des Vampirs, als er den Glimmst\u00e4ngel anz\u00fcndete.<br \/>\n\u201eDu hast Recht, ich bin dein Gast, und ich habe dir Ungelegenheiten bereitet. Nimm meine Entschuldigung daf\u00fcr.\u201c Nachdenklich blies er einen Rauchkringel in die Luft. Der Protector entspannte sich deutlich, und gleichzeitig verschwand die unnat\u00fcrliche Hitze. Lucius nahm die Entschuldigung mit einem Nicken an. Die beiden M\u00e4nner entfernten sich von dem Bett und Meliana sp\u00fcrte, dass die Gefahr vorbei war. Ihr wurde wieder bewusst, wie schwach und schwindelig sie sich f\u00fchlte, obwohl sie bereits im Bett lag. Bleierne M\u00fcdigkeit senkte sich auf sie herab, und sie schlief wieder ein.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag erwachte Meliana mit gr\u00e4sslichen Kopfschmerzen in ihrem eigenen Bett im Haus ihrer Eltern. Es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, und der Traum von letzter Nacht kam ihr unwirklich und verwaschen vor. Ihre Mutter sa\u00df an ihrem Bett und f\u00fctterte sie mit Suppe, und da wurde Meliana klar, dass sie krank war. Sie a\u00df nur wenig und schlief bald wieder ein.<br \/>\nDer Protector schickte seinen eigenen Leibarzt zu Meliana, was bei ihren Eltern f\u00fcr gro\u00dfes Aufsehen sorgte. Der betagte Medicus untersuchte sie sehr genau, sprach jedoch nur wenig und verordnete keinerlei Medizin. Trotzdem wurde Meliana wieder gesund und konnte schon nach drei Tagen wieder zur Arbeit gehen.<br \/>\nNur einen Tag sp\u00e4ter reiste Mark Dunkelbruch ab, und obwohl Meliana einerseits froh war, dass der unheimliche Gast fort war, sp\u00fcrte sie zu ihrer eigenen \u00dcberraschung auch einen Anflug von Trauer und Verlust. So gering diese Gef\u00fchlsverwirrung auch zu sein schein, so verdarb sie ihr doch gr\u00fcndlich den Magen.<br \/>\nDer Sommer tauchte das Land in grelles Sonnenlicht, und Meliana litt unter der Hitze wie nie zuvor. Tags\u00fcber qu\u00e4lten sie l\u00e4hmende Kopfschmerzen, sodass sie \u00f6fter als einmal unkonzentriert war und Gegenst\u00e4nde fallen lie\u00df. Das Schlimmste daran war, dass der Protector st\u00e4ndig dort auftauchte, wo sie ihre Arbeit zu verrichten hatte, und jedes ihrer Missgeschicke mit Argusaugen beobachtete. Auf diese Weise wurden ihr die Tage zur Qual. Erst mit der K\u00fchle des Abends erfuhr sie Linderung und bekam ein wenig Appetit. Nachts konnte sie kaum schlafen und warf sich unruhig im Bett hin und her. Wenn sie schlief, tr\u00e4umte sie oft von dem Vampir Mark, und in ihrer Erinnerung kam er ihr deutlich weniger d\u00fcster und gef\u00e4hrlich vor. Morgens m\u00fchte sie sich aus dem Bett, und sobald die Morgensonne ihr in die Augen stach, kamen die nagenden Kopfschmerzen zur\u00fcck. Ihrer Mutter zuliebe versuchte sie, zu essen, doch sie brachte kaum einen Bissen hinunter. Stattdessen trank sie viel Wasser, denn sie litt st\u00e4ndigen Durst.<br \/>\nSchlie\u00dflich begann sie, im Schlaf zu wandeln. Zun\u00e4chst tappte sie lediglich im Haus herum, doch nachdem ihre Eltern sie zweimal im Nachtgewand auf offener Stra\u00dfe gefunden hatten, verriegelten sie die Haust\u00fcr und nahmen den Schl\u00fcssel mit ins Bett. Von da an wurden sie geweckt, weil Meliana mitten in der Nacht an der Haust\u00fcr r\u00fcttelte.<br \/>\nNicht ganz ein Monat war seit dem Besuch des Vampirs vergangen, als der volle Mond hell durch das Fenster im Melianas Zimmer schien. Sie erwachte und sp\u00fcrte, dass sie bei vollem Bewusstsein war. Anders als sonst, wenn sie besinnungslos im Schlaf wandelte, wusste sie genau, was sie tat, als sie zum Fenster ging und es weit \u00f6ffnete. Ihr Zimmer lag im Dachgescho\u00df des Hauses, und die Stra\u00dfe davor war in silbernes Licht getaucht. Leise trat Meliana an ihren Kasten heran und holte ihren Umhang heraus, der aus dunkler Wolle war und ihr wei\u00dfes Nachtgewand bedeckte. Dann schwang sie sich auf den Fenstersims und sprang ohne Angst auf die Stra\u00dfe hinab. Als sie federnd auf dem harten Boden aufkam, blickte sie kurz die zwei Stockwerke hinauf und schauderte leicht. Doch der Moment w\u00e4hrte nur kurz, dann wurde das Verlangen in ihrem Inneren wieder st\u00e4rker und trieb sie auf leisen Sohlen durch die Stadt. Ein unbestimmtes Gef\u00fchl der Eile hatte sie erfasst, und sie warf oft einen Blick \u00fcber die Schulter zur\u00fcck. Fast erwartete sie, dass der Protector selbst aus den Schatten treten w\u00fcrde, um sie aufzuhalten. Sie mied die inneren Bezirke, in denen selbst zu nachtschlafender Zeit Tavernen und Spelunken offen hatten und Stra\u00dfenverk\u00e4ufer die ganze Nacht hindurch ihre St\u00e4nde offen hielten. Stattdessen lief sie durch die Wohnviertel der Arbeiter, wo sich meistens drei oder vier Familien ein Haus teilten, und streifte die nobleren Bezirke, wo die gro\u00dfen Gutsh\u00e4user der Patrizier in stillem Schlaf lagen. Den gro\u00dfen Viehmarkt umging sie, denn dort waren viele Tiere nachts in den Mietst\u00e4llen untergebracht, und viele Nachtw\u00e4chter wurden von den H\u00e4ndlern bezahlt, um auf ihren Besitz aufzupassen. Der Wind trug den Geruch der Pferde, Rinder, Schafe und Schweine zu Meliana her\u00fcber, und sie fragte sich, warum ihr das Aroma so anders erschien als fr\u00fcher. Kurz dachte sie daran, dass ihre beiden Br\u00fcder als Gro\u00dfhirten auf den gr\u00fcnen H\u00fcgeln im Norden von Gradum arbeiteten und gerade jetzt wohl Nachtwache bei hunderten von K\u00fchen hielten. Doch der Gedanke war nur kurz, fremd, als w\u00e4re es die Erinnerung einer anderen Person.<br \/>\nSchlie\u00dflich hatte sie die Stadtmauer erreicht, und ohne lange zu \u00fcberlegen griff sie in die Risse und Spalten der Ziegel und zog sich daran hinauf. Geschickt wie eine Katze kletterte sie auf die Mauer, gab Acht, keinem Soldaten zu begegnen, und sprang auf der anderen Seite ebenso m\u00fchelos hinab wie vor wenigen Minuten von ihrem eigenen Fenster.<br \/>\nAls sie den lehmigen Boden unter ihren blo\u00dfen F\u00fc\u00dfen sp\u00fcrte, f\u00fchlte sie sich mit einem Mal so frei wie nie zuvor. Es verlangte sie danach, zu laufen, und sie rannte ohne au\u00dfer Atem zu kommen so schnell wie der Wind. Ihre F\u00fc\u00dfe trugen sie \u00fcber die gro\u00dfen Weidefl\u00e4chen vor der Stadt, und ohne sich Gedanken dar\u00fcber zu machen, sprang sie \u00fcber die Weidez\u00e4une und Gr\u00e4ben hinweg, als w\u00e4ren sie Kreidestriche auf dem Boden. Sie erreichte den Forst, tauchte in die Dunkelheit der B\u00e4ume ein und konnte dennoch ihren Weg v\u00f6llig klar erkennen. Sie war noch nie in einem Wald gewesen, doch sie f\u00fcrchtete sich nicht. Sie wusste genau, in welche Richtung sie laufen musste, und kaum war eine Stunde vergangen, war sie an ihrem Ziel angekommen. Dort, immer noch im Wald, fand sie Mark, und sie wusste, dass er auf sie gewartet hatte.<br \/>\nEr streckte die Hand nach ihr aus, als er sie zwischen den B\u00e4umen erblickte, und sie flog in seine Arme. V\u00f6llig unverst\u00e4ndlich war ihr, dass sie sich jemals vor ihm gef\u00fcrchtet hatte. \u201eWir m\u00fcssen uns beeilen\u201c, sagte er. \u201eNoch vor dem Sonnenaufgang m\u00fcssen wir bei meiner M\u00fchle sein.\u201c Dieser Satz holte Meliana drastisch auf den Boden der Tatsachen zur\u00fcck. Vor Sonnenaufgang, denn er konnte das Licht des Tages nicht ertragen. Gedanken rasten durch ihren Kopf, Fragen und Antworten \u00fcberschlugen sich. \u201eWas wird geschehen, wenn wir dort angekommen sind?\u201c fragte sie. Ein L\u00e4cheln erschien auf Marks Gesicht, und sie sah, dass seine Augen tats\u00e4chlich rot waren, so wie in ihrer Erinnerung. \u201eDann werde ich vollenden, was ich begonnen habe, und damit Lucius beweisen, dass er Unrecht hat.\u201c Jetzt endlich verschwand der Schleier, der \u00fcber ihrer Erinnerung an jene Nacht gelegen hatte, und sie entsann sich jedes einzelnen Worts und jeder Bewegung, der sie Zeuge geworden war. Sie begriff, dass der Untote sie geblendet und verzaubert hatte, und l\u00f6ste sich aus seiner Umarmung. \u201eUnd was wird dann aus mir? Ein lebender Beweis, ein Haustier?\u201c Ein Ausdruck ehrlicher Entt\u00e4uschung erschien auf Marks Gesicht. \u201eHast du so wenig begriffen? Ich biete dir Unsterblichkeit an, M\u00e4dchen, die Gnade von Muel\u2019sa. Nicht mehr und nicht weniger. Was du daraus machst, bleibt dir alleine \u00fcberlassen.\u201c \u201eUnd was, wenn ich diese Unsterblichkeit nicht will?\u201c fragte sie zaghaft. \u201eDas w\u00e4re sehr bedauerlich\u201c, gab der Vampir zur\u00fcck, und da wusste Meliana, dass ihr nur der endg\u00fcltige Tod zur Wahl stand. Kaltes Entsetzen stieg in ihr auf, das in scharfem Gegensatz zu dem freundlichen Ton stand, in dem Mark fortfuhr: \u201eAber warum solltest du mein Geschenk nicht wollen? Gef\u00e4llt dir nicht, wie schnell du dich bewegen kannst, wie stark du dich f\u00fchlst und wie sicher? Sind nicht alle deine Sinne scharf wie nie zuvor und sp\u00fcrst du nicht, wie frei du bist? Weshalb solltest du eine schwache Sterbliche sein wollen, gefangen in einem Leben als Dienerin, bis du alt bist und grau? Hast du nicht jetzt schon erkannt, wie viel besser die Existenz ist, die dir angeboten wird?\u201c<br \/>\nEine schwache Stimme in Meliana schrie, dass der Vampir log, und sie nur erneut becircte, um seinen Willen zu bekommen. Aber der st\u00e4rkere Teil von ihr musste ihm Recht geben. Au\u00dferdem wollte sie nicht sterben \u2013 nicht jetzt, und nicht so. Sollte Mark sie wirklich belogen haben, dann musste sie erst Recht zu Seinesgleichen werden, denn nur dann w\u00fcrde sie ihm den Betrug heimzahlen k\u00f6nnen. Und falls er die Wahrheit sprach\u2026 nun, dann war es vielleicht wirklich ein Geschenk, das sie zu sch\u00e4tzen wissen w\u00fcrde. Mark las den stummen Zuspruch in ihrem Gesicht, nahm sie an der Hand und zog sie in Windeseile weiter, zu seiner Heimat, der M\u00fchle Dunkelbruch. Sie waren vor Sonnenaufgang dort.<br \/>\nLucius Domenicus stand auf dem nord\u00f6stlichen Wachturm der Stadtmauer und beobachtete, wie Meliana \u00fcber die Weidefl\u00e4chen hinweg auf den Wald zulief. Seine linke Hand spielte mit dem silbernen Knauf seines Gehstocks, und seine Miene dr\u00fcckte deutlich seine Ver\u00e4rgerung aus. Neben ihm stand jemand, dessen Gestalt und Gesicht durch flie\u00dfende, schwarze Gew\u00e4nder verh\u00fcllt waren. Man h\u00e4tte unm\u00f6glich sagen k\u00f6nnen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte, nicht einmal, als das Gesch\u00f6pf mit einer tief hallenden Stimme fragte: \u201eSoll ich sie aufhalten, Herr?\u201c Die Worte hingen in der Luft und schienen aus sich selbst heraus ein Echo zu bilden, sogar noch nachdem der Satz fertig gesprochen war. Der Protector verneinte.<br \/>\n\u201eIch will wissen, wie weit Mark wirklich geht. Vor allem will ich wissen, ob er dumm genug ist, zu glauben, dass ich nicht sehen konnte, wie sich das M\u00e4dchen ver\u00e4nderte, oder ob er dreist genug ist, zu glauben, dass er damit durchkommt.\u201c \u201eSoll ich einen Umbra zur M\u00fchle schicken, der Bericht erstatten kann?\u201c erbot sich der d\u00fcstere Gef\u00e4hrte des Protectors. Dieser sch\u00fcttelte wiederum den Kopf.<br \/>\n\u201eNicht n\u00f6tig\u201c, war seine Antwort. Der Blick des Protectors wurde leer, als w\u00e4re er in gro\u00dfe Ferne gerichtet, und seine Stimme klang ruhig, beinahe vertr\u00e4umt, als er weitersprach: \u201eIch sehe alles, was ich sehen muss.\u201c[\/vc_column_text][\/vc_column][vc_column width=&#8220;1\/3&#8243;][vc_wp_custommenu title=&#8220;Melvis&#8220; nav_menu=&#8220;72&#8243;][\/vc_column][\/vc_row]<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[vc_row full_width=&#8220;stretch_row&#8220; css=&#8220;.vc_custom_1756302457281{margin-top: -140px !important;background-image: url(https:\/\/whenua.at\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/bg_grey.jpg?id=1720) !important;}&#8220;][vc_column width=&#8220;1\/4&#8243;][\/vc_column][vc_column width=&#8220;3\/4&#8243;][vc_column_text css=&#8220;&#8220;] Flavor Text (Story by Yvonne Leiche) [\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column width=&#8220;2\/3&#8243;][vc_column_text css=&#8220;&#8220;]Als Meliana erwachte, schmerzte ihr Hals und ihr Mund war trocken. 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